Erinnerungen an die Zusammenarbeit und Freundschaft mit dem Bonner Künstler Horst Rave

Von Wahlfried Pohl

Die gesellschaftlichen Veränderungen in der zweiten Hälfte der 60er Jahre führten zu einem Aufbruch im Bereich der bildenden Kunst, der den elitären Betrieb überwinden, dem einzelnen Künstler einen neuen Stellenwert geben und auch den Publikumskontakt auf eine breitere Basis stellen wollte. Es entstand die Kunstmarktbewegung mit Kunstmärkten, die nicht von Galerien bestimmt, sondern von den Künstlern selbst ausgerichtet wurden. Der Berufsverband Bildender Künstler formierte sich neu in stärker gewerkschaftlicher Ausrichtung. Es gab juryfreie Ausstellungen. Diese Bewegung schwappte von Köln aus auch nach Bonn über.

In diesem Umfeld wandte ich mich 1968 von der Figurenmalerei ab und der konstruktivistischen Kunst zu. Im gleichen Jahr wurde ich auch Mitglied der Künstlergruppe Bonn. 1969 begegnete ich in der Bonner Galerie Schütze zum ersten Mal den ebenfalls konstruktivistischen Arbeiten Horst Raves. Und ich begegnete in der "Galerie im Ministerium", im Bundesministerium für Städtebau und Wohnungswesen, dem Initiator und Betreuer der dort stattfindenden Ausstellungen, Horst Pitzen, der dazu noch künstlerisch im Sinne der konkret-konstruktiven Richtung arbeitete. Bei einem der Experimente dieser Zeit, einer öffentlichen Jury im Landesmuseum Bonn im gleichen Jahr, hatte ich Gelegenheit, mehr von Horst Raves konstruktivistische Arbeiten zu sehen. Daraufhin sorgten Pitzen und ich dafür, daß Rave Mitglied der Künstlergruppe wurde. In jenen Tagen lernte ich auch die Partnerin Horst Raves, Margarete Loviscach, kennen.

Ebenfalls in diesem entscheidenden Jahr 1971 fand in der "Galerie im Ministerium" eine Ausstellung konstruktivistischer Kunst unter dem Namen "Konstruktive Tendenzen" statt. Pitzen hatte sie geplant, nahm aber selbst nicht daran teil. Außer Rave und mir konnte er noch zwölf weitere konstruktivistische Künstler gewinnen: Getulio Alvani, Leo Breuer, W. Erich Detterbeck, Winfried Gaul, Heinz Graff, Hartmut Häberlin, Peter Lacroix, Bernhard Müller-Feyen, Jorg S. Riveros, Hans-Dieter Schrader, Helmut Sundhausen und Walter de Vries. Aus dieser Runde entstand der Arbeitskreis "Konstruktive Tendenzen", der im folgenden Jahr die Aktion "10 kalte Künstler" in der Galerie Off in Hannover und Hamburg und 1973 den Spielwettbewerb "4 Wände - 10 Künstler" in der Galerie im Ministerium veranstaltete. Der Spielwettbewerb wurde 1974 auch auf dem Kunstkongreß in Göttingen gezeigt.

Damit nicht genug, 1971 eröffnete Horst Pitzens Ehefrau Marianne Pitzen die Galerie "Circulus" für konkret-konstruktive Kunst auf dem Bonner Talweg, wo Horst Rave wiederholt ausstellte. Ich betreute seit 1975 deren Hauszeitschrift "Circular", in der auch Horst Rave schrieb. Es entwickelte sich eine Freundschaft, die mich auch des öfteren in die Combahnstraße am Rheinufer in Bonn-Beuel zu gemeinsamen Essen mit Margarete Loviscach und ihm führte. Eine Idee Raves: Ein Mahl nach Art der italienischen Futuristen.

Horst Rave und ich trafen uns auf den verschiedenen Kunstmärkten und den Ausstellungen der Künstlergruppe Bonn. Höhepunkt: Die Ausstellung "Lyrische Geometrie" 1977 im Haus an der Redoute in Bad Godesberg, wo wir zusammen mit Leo Breuer (posthum) und Jupp Heinz ausstellten. Wir trafen uns auch auf den thematischen Ausstellungen für alle Gruppenmitglieder, wo Rave seine Fähigkeit zur Gestaltung themenbezogener realistischer Figurenbilder zeigte; so auf den Ausstellungen "Akt" (1973) und "Todesbilder" (1984).

Zu den kulturpolitischen Aktivitäten Raves gehörte auch die Teilnahme an der Planungsgruppe Kulturpolitik 1971-1974, wo er mit Pitzen und einem weiteren Aktivisten der Bonner Szene, Michael Weißer, zusammenarbeitete und die Formierung der Bonner Regionalgruppe des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK) vorantrieb, deren Gründungsvorstand ich 1973 zusammen mit Michael Weißer und dem Bonner Künstler Dierk Engelken angehörte.

1974 gründete die Stadt Bonn im Nachklang einer Kunstaktion für Kinder ein Kinderforum, in dessen Rahmen Bonner Künstler und Künstlerinnen einige Jahre lang Kurse für Kinder anboten, woran sich auch Margarete Loviscach und Horst Rave beteiligten.

Eine besondere Aktion gab es 1975: Die Stadt Bonn unterhielt im Bonn-Center ein Kultur-Forum. Mit dessen finanzieller Unterstützung veranstalteten wir in jenem Jahr vom 1. bis 7. September zusammen mit Dierk Engelken und Margarete Loviscach eine "Kunsttotale" -mit Überspannung des Platzes (Engelken), offenem Atelier und Kunstmarkt. Dabei leiteten Horst Rave und Margarete Loviscach einen Workshop, in dem die Besucher aus Latten, Maschendraht und Kleisterpapier lebensgroße Menschen und Tiere formen und farbig gestalten konnten.

1981 führte ein Zusammenschluß der Bonner Künstler konkret-konstruktiver Richtung, darunter auch Horst Rave, zur Gründung der "gruppe konkret". Im gleichen Jahr gründete Marianne Pitzen das Frauenmuseum, um die Galerie "Circulus" kümmerte sich derweil Horst Pitzen, der als neue Basis für gemeinsame Arbeit 1982 die Gesellschaft für Kunst und Gestaltung (gkg) gründete, der er zusammen mit Horst Rave und Heidrun Wirth vorstand.

Die Aktivitäten der gkg spielten sich zunächst in der Galerie "Circulus" ab, bis im Jahr 1984 im Rahmen der ersten Bonner Kunstwoche der Umzug vom Bonner Talweg in das Kunstzentrum am August-Macke-Platz vorbereitet werden konnte. Dort fand 1987 die Eröffnungsausstellung von Bonner Kunstverein, Künstlerforum und gkg statt. Letztere präsentierte sich mit der Publikation "Eckpunkte", die Arbeiten von neun Künstlern, darunter Horst Rave, im Spannungsfeld von konkret, konstruktiv und konzeptuell präsentierte.

Im Rahmen dieser ersten Bonner Kunstwoche 1984 organisierte ich für die "gruppe konkret" die Aktion "Kunst auf den zweiten Blick" mit Gestaltung kleinteiliger Gliederungsformen an Bauelementen des Bonner Stadthauses, wo Horst Rave aufsehenerregende konstruktivistische Pfeilerköpfe schuf. Eine ähnliche Aktion fand zur zweiten Bonner Kunstwoche 1989 unter dem Motto "Ton zwischen Farbe und Klang" an der Oper Bonn statt. Rave verstärkte Stück um Stück die Tragstützen des Foyers, stellte sie von Mal zu Mal schräger und faßte sie jeweils farbiger.

1986/87 gestaltete Rave im damaligen Bundesministerium für das Post- und Fernmeldewesen ein gewaltiges Wandbild "über Gelb" (der Postfarbe), das ich 1989 in der von der gkg herausgegebenen Schrift "Horst Rave - Farbräume - Farbtektoniken" erläutert habe.

Horst Rave und ich waren auch Mitglieder im Deutschen Werkbund NW. Horst Rave brillierte bei einer Werkbund-Ausstellung bei der Firma Wilkhahn in Mettmann mit seinen Regenbogenbildern und einem digitalen Fries. 1999 beteiligte sich Horst Rave an den Natur-Kunst-Wochen mit einer Ausstellung in der gkg und schuf das raumbildende Objekt "Erblühendes Quadrat".

Letzte Zusammenarbeit: Die Aktion Stadtkunst 2005. Horst Rave setzte meine Idee um und schuf einen digitalen Fries, der die Unterkante eines Wandstücks an einem Zugang des Bonner Stadthauses akzentuierte.

Horst Rave zeichnete sich dadurch aus, daß er sich gesellschaftlich engagierte, in der SPD, in der gkg, als 1. Vorsitzender der Künstlergruppe Bonn (1983-1986), in der Arbeitsgemeinschaft "Mehr Kunst für Bonn" (1986-1987) und im Vorstand des Bonner Kunstvereins. Vor allem aber zeichnete ihn aus, daß er gestellte Aufgaben gerne anging, als neue Herausforderungen annahm und dabei zu überzeugenden Lösungen kam. Darum habe ich ihm mein Buch "Der zweite Blick - Wann ist er wichtiger als der erste? Gliederungsprobleme in Architektur und Design" (Essen 2010) gewidmet. Darin finden sich u.a. Abbildungen seiner auf das Projekt zur kleinteiligen Gliederung von Architektur bezogenen Arbeiten.